26/09/2026 0 Kommentare
Erfüllte Zeit voller Wandel – und ein Abschied
Erfüllte Zeit voller Wandel – und ein Abschied
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Erfüllte Zeit voller Wandel – und ein Abschied
Mehr als ein Jahrzehnt hat Pfarrer Thomas Jeutner vor allem die Arbeit in der Kapelle der Versöhnung geprägt. Jetzt geht er in den Ruhestand. Wir schauen zusammen mit ihm zurück – und natürlich nach vorne.
Sie haben 13 Jahre an der Kapelle der Versöhnung als Pfarrer gearbeitet. Am 4. Oktober 2026 endet Ihr Dienst als Pfarrer dort. Wie geht es Ihnen damit?
Ich habe gemischte Gefühle. Das kennen alle, die gehen. Wir arbeiten ja immer mit unserer Persönlichkeit. Nun gebe ich die Verantwortung, die ich hier hatte, ab. Mit großem Dank – es war ein tolles Erlebnis, mit Menschen in der Gemeinde durch 13 Jahre wandern zu dürfen, miteinander zu schauen: Wo geht es hin? Wie können wir mit Lebendigkeit als Gemeinde eine Strahlkraft bekommen? Klar ist da in mir auch eine melancholische Stimmung. Eine Trauer. Das war eine erfüllte Zeit.
Nach zehn Pfarramtsjahren in Greifswald und zwölf Jahren in Hamburg sind Sie 2013 wieder zurück nach Berlin gekommen, an die Kapelle der Versöhnung. Warum gerade dorthin?
Ich hatte große Lust, das wiedervereinigte Deutschland am Beispiel unserer verrückten Stadt zu erleben. Der Arbeitsort an der alten Grenzwunde, auf dem ehemaligen Todesstreifen, wo die Kapelle der Versöhnung steht, hat für mich gut gepasst. Zur Pfarrstelle der Erinnerungsarbeit an der Bernauer Straße gehörte auch die Seelsorgearbeit in der Weddinger Versöhnungsgemeinde, seit 2025 in der vereinigten Gemeinde am Gesundbrunnen, in unserem sehr von Migration und Flucht geprägten Gemeindeumfeld. Ich habe mich für diese Stelle entschieden, weil dieser Ort so stark von Veränderung geprägt ist. Und weil ich gesehen habe, dass wir hier auch mit wenigen Ressourcen viel erreichen können.
Apropos Wandel – der Kirchenkreis steckt mitten in einem Transformationsprozess. Wo sehen Sie bereits erste Ansätze der gelungenen Transformation?
Transformation hat immer mit Verwandlung zu tun. Das lateinische „trans“ signalisiert: Ich muss da durch, ich muss ein Hindernis durchwandern. Für mich ist unser Garten NiemandsLand, der Gemeinschaftsgarten hinter der Kapelle der Versöhnung, ein absolut transformatorisches Areal. Im 18. Jahrhundert war hier ein Feld, ein Acker. Die Straßennamen – Ackerstraße, Gartenstraße - erzählen von der agrarischen Vergangenheit. Dann hat sich die Stadt ausgebreitet, ein Friedhof entstand. 1894 wurde auf dem Friedhofsgelände die Versöhnungskirche gebaut. Die Weltkriege kamen, der Mauerbau. Genau hier war der Todesstreifen, 28 Jahre lang. Und vom Mauersturz bis 2015 wucherten Brennesseln, Giersch, Wildkräuter. Wir haben das Gelände vor über zehn Jahren mit einem Dieselpflug urbar gemacht. Und heute gärtnern hier rund 60 Menschen aus 18 Nationen, aus Ost und West. Wer kommen möchte, ist willkommen. Für mich ist der Garten eine Chiffre für Transformation: ein Lehrmeister, ein spiritueller Raum im besten Sinn. Hier lernen wir, anzunehmen, was ist.
Sie hatten hier selbst ein Beet – behalten Sie es?
Ich war im Gartenteam sehr verwurzelt, mit einem Beet. Aber ich nehme Abschied von meiner Gemeindepräsenz und vom Garten, der ein Gemeindeprojekt ist. Meine Rolle zu behalten, ist nicht förderlich, auch nicht für die neue Person, die die Pfarrstelle einnimmt. Da muss Raum sein für die neue Art und Weise, „das Evangelium zu kommunizieren“, wie Ernst Lange sagte. Der Ort wird sich weiter entfalten und Menschen berühren.
Was haben Sie für Pläne für die kommende Zeit?
Privat: Ich habe drei Enkel, bald vier. Eine Familie, die sich freut und nach mir ruft. Mit ihr möchte ich endlich mehr Zeit verbringen, Familie kommt im Pfarrberuf leider oft zu kurz. Aber die Friedensarbeit und mein Engagement im Kirchenasyl, als eine Form der politischen Diakonie, werde ich nicht aufgeben. Außerdem arbeite ich weiter als pastoralpsychologischer Kursleiter und Supervisor. In den Seelsorgekursen, bei denen ich über die Seelsorge Aus- und Fortbildung des AKD weiter mitarbeiten werde, geht es oft um Transformation der seelischen Verhärtungen. Sie sehen also, das Thema bleibt.
Interview: Christiane Bertelsmann
Zur Person: Thomas Jeutner, geboren 1960 in Prenzlau (Uckermark), erlernte bei der Deutschen Reichsbahn den Beruf des Fernmelde-Mechanikers. Nach seinem Studium arbeitete er als Pressepfarrer zehn Jahre in Greifswald bei der evangelischen Wochenzeitung „die Kirche". 2001 zog er mit seiner Familie nach Hamburg und war zwölf Jahre Pfarrer in Hamburg-Sasel. Von 2013 bis 2024 war er Pfarrer der Versöhnungsgemeinde, seit 2025 vereinigt zur Kirchengemeinde am Gesundbrunnen in Berlin-Wedding, vorwiegend am Kirchort Kapelle der Versöhnung.
Am 4. Oktober 2026 um 14 Uhr wird Pfarrer Thomas Jeutner in einem Open Air-Gottesdienst an der Kapelle der Versöhnung, Bernauer Straße 4, in 10115 Berlin verabschiedet.
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