27/04/2026 0 Kommentare
„Wo bist du Gott?“
„Wo bist du Gott?“
# Glaubensimpuls

„Wo bist du Gott?“
„Wo bist du Gott?“ Dieser Satz stand auf einer Kirche in Reinickendorf. Ein Graffiti, mit Farbe aufgesprüht. Ich habe es nur kurz im Vorbeifahren gesehen, aber dieser Satz, diese Frage, hat mich über die Jahre, die seitdem vergangen sind, begleitet. Eigentlich sollte man doch meinen, dass gerade in einer Kirche diese Frage beantwortet und nicht aufgeworfen wird. Das hat die Gemeinde dort anscheinend auch so gesehen und das Graffiti schnell übermalt. Die Frage ist dennoch geblieben, nicht, weil sie absurd ist, sondern weil sie so wahr ist, so stimmig. Gott ist nicht nur ein Gott der Nähe, der sich unserer erbarmt, wie ein gütiger Vater und eine liebevolle Mutter. Gott ist auch der ganz Andere, der ferne Gott, über den ich nicht verfügen kann, der sich mir entzieht, sich nicht vereinnahmen lässt.
Distanz und Nähe ist ein Kernproblem jeder Beziehung: Nähe, Zärtlichkeit und Kontakt tun gut, aber sie können auch das Gefühl der Enge, des „Erdrückt-Werdens“ hervorruufen. Distanz, Ferne schafft Raum zur Entfaltung, aber sie kann auch fürchterlich einsam machen. Distanz und Nähe, so wird bei der Lektüre der Bibel deutlich, ist ein Kernproblem der Gotteserfahrungen in der Bibel: „Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist?“ (Jer. 23,23) lautet der Monatsspruch für den September. Gott, fern und unverfügbar und nah, ganz bei und für uns da. „Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir“ heißt es in Psalm 139. Dieser Satz kann sowohl als tröstlich als auch bedrohlich empfunden werden. „Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe?“ klagt Hiob (Hi. 7,19) und der Psalmist stöhnt: „Herr, warum stehst du so ferne, verbirgst dich zur Zeit der Not?“ (Ps. 10,1).
Eine rabbinische Geschichte erzählt von einem Schüler, der fragt, wie es komme, dass ein Mensch, der treu an seinem Schöpfer hänge, trotzdem manchmal das Gefühl der Gottesferne und -verlassenheit erlebe. Der kluge Rabbi erklärt es mit einem Vergleich: Gott ist wie ein Vater, der sein Kind beim Laufenlernen zuerst auf die Füße stellt und es festhält, dann loslässt und sich ein Stück entfernt hinstellt mit ausgebreiteten Armen. Sollte das Kind stolpern, wird er es auffangen, doch kommt das Kind näher, zieht der Vater sich immer wieder ein Stück zurück, bis das Kind ohne seine Unterstützung laufen gelernt hat.
„Wo bist du Gott?“ Ganz nahe und doch unerreichbar fern. Aber niemals zu weit weg, um uns aufzufangen, wenn wir fallen.
Ihre Vakanzvertretungs-Pfarrerin Heike Krafscheck
Aus dem Gemeindebrief der Kirchengemeinde Birkenwerder: https://www.kirche-birkenwerde...
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