Veröffentlicht von Bettina Berndt am Fr., 26. Okt. 2018 13:58 Uhr

Einst lebte in einem fernen Lande ein mächtiger König mit seinen drei Söhnen, die er sehr liebte. Tag für Tag war er darauf bedacht, ihnen  die kostbarsten Dinge zu geben, die ihnen in ihrem Leben helfen sollten. Nicht  Macht und  Reichtum wollte er ihnen schenken, sondern er wollte besondere Eigenschaften in ihnen wecken und wachsen lassen: Die drei Söhne konnten also sehr gut beobachten und hatten ein feines Gehör. Begabt mit diesen besonderen Fähigkeiten zogen die drei  schließlich in die Welt. Eines Tages trafen  sie unterwegs einen Kameltreiber. Der klagte: “Ach, ich habe eins meiner Kamele verloren  - habt ihr es vielleicht gesehen?”  Die Prinzen schüttelten den Kopf - nein, an einem Kamel waren sie nicht vorbei gekommen. Aber dann überlegten sie und erinnerten sich, was sie unterwegs alles gesehen hatten. “Guter Mann”, sagte der eine Prinz zum Kameltreiber. “Kann es sein, dass deinem Kamel ein Zahn fehlt?” Der Kameltreiber nickte überrascht. “Und  hat das Tier hinten links ein lahmes Bein?”, fragte der zweite Prinz. Wieder nickte der Kameltreiber. “Und blind auf dem rechten Auge ist es auch”, ergänzte der dritte Prinz.. Als der erste Prinz sagte: “Rechts trägt er Honig und links Butter”, begann das Gesicht des Kameltreiber sich zu verfinstern. Jetzt staunte er nicht mehr lediglich über das Wissen der drei Prinzen - jetzt wurde er richtig böse: “Diebe!”, brüllte er. “Wer so viel über mein Kamel weiß, muss zu der Räuberbande gehören, die mein Kamel gestohlen hat.”  Schon wollte er die drei verhaften lassen.
Aber dazu kam es nicht. Denn schneller als gedacht erreichte ihn die Nachricht, dass Wanderer es bereits vor Stunden schon  in einer einsamen Gegend gesehen. Und bald war klar, dass die drei Prinzen nichts mit seinem Verschwinden zu tun haben konnten. Dafür konnten sie etwas ganz anderes: Sie konnten wichtige Hinweise darauf geben, wo das Kamel in der letzten Stunde entlanggelaufen sein musste. Sie hatten nämlich ihr genaues Wissen über das Kamel von den verschiedensten Beobachtungen abgeleitet, die sie unterwegs zufällig gemacht hatten:
An einer Stelle war das Gras nur an einem Wegesrand abgefressen, obwohl es  auf der anderen Seite viel saftiger spross. Daraus hatten die Prinzen  geschlossen, dass das Kamel auf der einen Seite blind war. Der fehlende Zahn war an den angekauten Grasbüscheln zu erkennen, die das Kamel hier und dort verloren hatte. Und die Fußspuren entlang des Weges zeigten die Abdrücke von drei Hufen und einer  Schleifspur - das deutete auf ein lahmendes Tier hin. Für die Ladung des Kamels gab es ebenfalls Hinweise zu beobachten: Anhand der Ameisen, die auf der einen Straßenseite von der geschmolzenen Butter angezogen worden waren und an den honigliebenden Fliegen auf der anderen Straßenseite ließ sich das leicht erschließen. Und so war die Wegstrecke des Kamels bald eingekreist und das Tier nach kurzer Zeit gefunden.
Was für eine Freude! Der Kameltreiber war den drei Prinzen nun sehr dankbar!  Mit allem, was sie eher zufällig und nebenbei am Wegrand wahrgenommen hatten, konnten sie ihm so gut helfen! Und alle  erkannten: Manche Dinge finden eher zufällig und ohne Plan die Aufmerksamkeit der Betrachtenden. Und was sich daraus an Wissen und Hilfe ergeben kann, das  ist nie vorhersehbar – aber im Rückblick oft von ungeahnter Bedeutung.                         (Frei nach einem persischen Märchen)

Ich wünsche Ihnen und mir immer wieder einmal diese zunächst beiläufig erscheinenden Begegnungen oder Wahrnehmungen, die sich mit Offenheit, Achtsamkeit und Geistesgegenwart unverhofft als etwas Besonderes, Beglückendes, vielleicht sogar als eine wichtige Wendung herausstellen können!

Ihre Christine Franke

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