Veröffentlicht am Do., 27. Jul. 2017 15:21 Uhr

Predigt von Superintendent Martin Kirchner

17. Sonntag nach Trinitatis, Jos. 2, 1-16

Fluchtgeschichten hat es viele in der Bibel.

Am bekanntesten ist die vom Exodus, von „Aus-Weg“ oder Auszug der Israeliten aus der Bedrückung der ägyptischen Sklaverei.

Dieser Exodus wird zum Sinnbild von Befreiung aus der Gefangenschaft, in ein „Land, da Milch und Honig fließen“.

Oft besungen ist er, der Exodus („Let my people go“), Stoff für großes Kino („10 Gebote“), Anlass für leidenschaftliche Predigten und immer wieder Grund für Hoffnungen und Visionen, die glauben machen, dass selbst auf dem Weg durch „finstere Tal“ kein „Unheil zu fürchten ist“, weil diese Geschichte erstmal gut ausgegangen ist:  Sie kommen an im „Gelobten Land“.

Ein Sinnbild der Befreiung aus der Bedrückung. Heute würde man zwar kritisch fragen, ob diese Leute dazu eigentlich Recht hatten, die Israeliten. Sie hatten doch in Ägypten Arbeit und ihre Unterkünfte. Waren es am Ende nur wirtschaftlich Gründe für ihre Flucht?

Nein, nein! Wir wissen, es waren Menschen voller Sehnsucht nach Freiheit und Freisein von Unterdrückung, von Schikane.

An welchem Ort, wenn nicht hier, an diesem Altar in der Kapelle der Versöhnung, in dem das Mauertotenbuch aufbewahrt wird, hätte man mehr Verständnis für diese Sehnsucht der Flüchtlinge – immer wieder – durch die Zeiten hindurch, z.Zt. weit mehr weltweit als 50 Millionen?!

Zu dem Zeitpunkt, an dem wir mit dem Josuabuch in die große Fluchtgeschichte der Bibel hineinhören, liegt ein langer Weg hinter den Mensch durchs Meer, durch Wüste und Anfeindungen, durch eigene Zweifel und Fremdheit, zu Fuß, ein langer Weg, auf dem Sie den falschen Helfern das wenige Kostbare gelassen haben, was sie noch bewahrt hatten; ein langer Weg durchs „Elend“, wie Luther es bezeichnet hat, dass zum Synonym für all das Schreckliche steht, was nicht wirklich auf diesem Ausweg beschrieben werden kann, was nur als Erfahrung bei denen und ihren Kindern zurück bleibt, die es erleiden,  und Generationen braucht, bis es geheilt ist – wenn man es denn heilen lässt, das „Elend“, das Erleben aus dem eigenen Lande, fern der Heimat, weg von Vertrautem und einst Sicherheit Schenkendem.

Im Elend ist dem Volk, von dem die Bibel erzählt, fast alles verlustig gegangen – nur die Sehnsucht nicht nach einem Ort, da es gut ist zu leben.

                               „Seid getrost und unverzagt“, voller Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung, das war die Losung, von Mose einst ausgegeben , von Gott bestätigt und von Josua als Gotteswort wie ein „homiletischer Hammer“ wieder und wieder erinnert.

Seid getrost, seid getrost, seid getrost und unverzagt (Jos. 1, 6.7.9.18)

Jericho ist damals als Ort der Sehnsucht ausgeschaut – die Stadtregierung ist nicht begeistert, hat Angst vor Überfremdung, schließt die Mauern rings ums Eigene.

Und da nimmt die Erzählung eine überraschende Wende: Rahab – nach hebräischem Test eine „Sonah“ , eine „ungebundene Frau“, gewährt Asyl gegen alle Angst und Verzagtheit, mit dem was sie zur Verfügung hat – der Bericht nennt „Flachsstängel“ auf dem Dach. (Flachsstängel, dieser biblische Baustoff, sind übrigens auch hier in der Kapelle in die Lehmwände als Stabilitätsstoff eingemengt!).

Ohne Risiko war das nicht, denn wer so was tut, Flüchtlingen helfen gegen den Willen der Regierenden, den erwartet Strafe.

Aber Rahab ist eine „ungebundene Frau“ – ohne Angst sicher nicht aber eben „getrost und unverzagt“.

Sie weiß um den Schrecken, der als Gerücht vor den Flüchtlingen hergeht, aber sie weiß auch um den besonderen Segen, dessen die sich bewusst sind, unter dem sie den langen Weg bisher gegangen sind.

Rahab ist auf dem aktuellen Stand der innerpolitischen Diskussion: … die Bewohner des Landes sind feige geworden … (übersetzt Luther), wie man eben feige wird, wenn die öffentliche Ordnung aus der Routine gerät und Ungeübtes, Unvorhergesehenes die Tagesordnung bestimmt.

Rahab, diese „ungebundene Frau“ setzt gegen die Feigheit Chässäd – hebräisch für Gunst, Wohlwollen, Güte, Gnade, Liebe, Barmherzigkeit.

Übrigens ist diese Stelle eines der frühen Zeugnisse in der Heiligen Schrift, das Barmherzigkeit unbedingt zu einem gelingenden Miteinander gehört, hier verstanden als Barmherzigkeit auf Gegenseitigkeit.

Der Berliner würde ganz praktisch und lebenserfahren bemerken: „Man begegnet sich immer zweimal .. weißt Du …“

Wer heute Barmherzigkeit üben kann, wer weiß, ob er nicht schon morgen selbst auf die der anderen angewiesen ist?

Was bleibt aus dem Nachgehen dieses Kapitels der alten und doch immer wieder aktuellen Exodusgeschichte zum Mitnehmen in diesen Tag, in die neue Woche?

Dem Elend kann begegnet werden, wo getrost und unverzagt, ganz praktisch gehandelt wird, wo Feigheit /den Sorgen und Bedenken, der Angstmache gegenüber Barmherzigkeit ins Spiel gebracht wird.

Wir wissen uns doch dem Glauben an den Dreieinigen, dem barmherzigen Gott verpflichtet.

So helfe er uns zu ungebundenem Tun. Amen
 


 
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