Veröffentlicht am Di., 5. Jun. 2018 17:15 Uhr

In Deutschland werden wir in diesem Jahr an den Ausbruch des 30-jährigen Krieges vor 400 Jahren erinnern. Es war ein Krieg, an dem auch andere europäische Staaten beteiligt waren, der sich aber doch in Deutschland austobte. Er hat das Land unvorstellbar verwüstet, die Gesellschaft tiefgreifend erschüttert und Regeln, die bis dahin galten, aufgelöst. Dieser Krieg und seine Folgen prägen Deutschland bis heute stärker, als uns oft bewusst ist.

Der 30-jährige Krieg führt uns vor, wie unmenschlich eine Situation werden kann, wenn Religion als Konfliktgrund vorgeschoben und missbraucht wird. Denn er war eben nur auf den ersten Blick ein Religionskrieg. Eigentlich ging es um Macht und Einfluss, es ging um Identität und Unabhängigkeit.

Heute leben wir in einer Zeit, in der leider noch immer politische Auseinandersetzungen neu und unheilvoll als religiöse Konflikte stilisiert und befeuert werden, in der Menschen allein auf ihre Identität als Juden, Christen und Muslime festgelegt und gegeneinander aufgewiegelt werden.

Der 30-jährige Krieg zeigt, dass jeder langanhaltende Konflikt zu einer Verrohung, zu einer Enthemmung und zu einer Entmenschlichung führt. Ja, wir können von einer kollektiven Traumatisierung sprechen, die dieser Krieg bewirkt hat.

Für unser Selbstverständnis heute ist es deshalb umso wichtiger, dass nach dem 30-jährigen Krieg trotz Zerstörung und Verwüstung, anschließend eine neue Gesellschaft aufgebaut werden konnte. Es gab eine Neuregelung, die das Miteinander der früheren Feinde möglich machte. Eine neue Friedensordnung ist entstanden, mit der Menschen mit bleibend unterschiedlichem religiösem Wahrheitsverständnis friedlich miteinander leben konnten. Und dies prägt unsere Gesellschaft bis heute, und soll sie auch – um Gottes Willen! – weiter prägen.

Bischof Dr. Dr. h.c. Markus Dröge

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