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Glaubensimpuls zur Jahreslosung

Glaubensimpuls zur Jahreslosung
Veröffentlicht am Di., 3. Jan. 2023 10:32 Uhr
Glaubensimpuls

Vor Jahren stand im Berliner Naturkundemuseum eine schwarze Box mitten im großen Museumssaal. Neben versteinerten Muscheln und Echsenskeletten wirkte sie störend – ein bisschen wie ein vergessener Transportkasten. Vor der Box bildete sich eine kleine Menschentraube. Vorwiegend Kinder konnten es nicht erwarten, in diese Box hineinzugehen. Von außen sah sie aus wie eine gewöhnliche Fotobox, so wie man sie an manchen Bahnhöfen sieht. Menschen hüpfen für ein paar Minuten hinein, um schnell ein Foto zu machen, entweder für einen neuen Pass oder um einen besonderen Moment mit Freunden festzuhalten. Jedenfalls ging ich davon aus, es handele sich um eine Fotobox, da mitten in der Ausstellung des Naturkundemuseums. Jeder macht ja gern Fotos – vielleicht gab es einen besonderen Bilderrahmen mit Muscheln und Echsen. Süße Idee für die Kleinen, dachte ich und ging daran vorbei. Auf dem Rückweg kreuzte dann wieder die Fotobox meinen Blick. Diesmal war es um sie herum menschenleer. Ich blickte mich kurz um und schlüpfte in die Box hinein: ein dunkler quadratischer Kasten. Eine kleine nur schemenhaft auszumachende Sitzbank. Ich nahm Platz und rechnete damit, den typischen Fotomonitor zu sehen. Stattdessen war da eine Art fest angebrachtes Fernglas. Daneben gab es zwei Knöpfe. Ein Knopf mit einem Katzenkopf darauf, ein anderer Knopf mit einem Pferd. Ich schaute durch das „Fernglas“ und sah einfach nur eine Landschaft. Würden da jetzt Pferde vorbeigaloppieren oder Katzen mauzen, wenn ich auf den Knopf drückte? Ich drückte zuerst auf den Pferdeknopf und erschrak, als sich das komplette Bild vor mir umstellte. Hatte ich was kaputt gemacht? Das Bild, das sich vor meinen Augen aufbaute, war augenscheinlich die gleiche Landschaft – nur irgendwie anders. Ich konnte es nicht einordnen – war daraus jetzt ein modernes Kunstwerk entstanden? Aber was hatte es dann mit dem Pferd zu tun? Oder war der Bildschirm dahinter kaputt gegangen, denn es sah ein wenig so aus wie ein Computermonitor mit beschädigter Grafikkarte. Ich drückte schnell auf den Katzenknopf. Wieder baute sich das Bild um. Seltsam. Ich ging aus der Box und suchte eine Art Infokasten. Den fand ich auch: „Seht die Welt aus den Augen der Tiere.“ Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen und begeistert schlüpfte ich zurück in die Box. Diese Box war also eine Art große Brille, die es ermöglichte, die Welt durch die Augen einer anderen Spezies zu betrachten. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ein Pferd die Welt so anders wahrnimmt. Und im Grunde wissen wir ja nicht mal, ob unser menschliches Gegenüber das gleiche genauso sieht, wie wir es sehen. Sehen ist keine objektive Angelegenheit. 

Im kommenden Jahr wird uns ein Bibelvers begleiten, der uns eine Seh-Schule ans Herz legt: „Du bist ein Gott, der mich sieht.“ Ich stelle mir vor, wie Gott in eine Sicht-Box steigt und den Anna-Knopf drückt. Was bekommt Gott da zu sehen? Ein modernes Kunstwerk, eine Landschaft aus Licht und Schatten, eine Ebene aus Sorgen- und Lachfalten? Für manch einen mag der Gedanke des Gesehenwerdens unangenehm sein. Will ich das überhaupt, gesehen werden, wenn ich selbst weder über Perspektive, Ort und Zeit entscheiden kann? Sollte sich Gott nicht wenigstens meine Einwilligung abholen, diese personenbezogenen Daten von mir erheben zu dürfen – immer und überall? Guter Gott, wenn du mich hörst: Ja, ich will. Ich habe keine Angst vor deinem Blick. Manchmal machen mir meine Gedanken, meine Gefühle und Worte Angst. Aber schau ruhig genau hin. Teile mit mir meine Abgründe und meine Höhen. Ich wüsste keinen besseren Ort für all das als bei dir.

Anna-Luise Amthor (Ev. Kirchengemeinde Französisch Buchholz)