Auslandseelsorge

Urlaubsseelsorge in Ostungarn im April/Mai 2010 


ungarn.bmpHajdúszoboszló
– evangelisch, lutherisch, reformiert?!


Meist im Sonnenschein präsentierte sich mir der bekannte, beliebte und größte Osteuropäische Thermalbadeort, nahe der ungarischen Puszta. Viele Gäste aus Deutschland, Polen, Rumänien und Ungarn kommen während der Saison zum Kuren. Das war mein Einsatzort als Urlaubs-seelsorgerin, dazu beauftragt von der EKD Hannover.
Ich fand eine wunderschöne, sehr große reformierte Kirche vor, in der sich  sonntäglich jeweils ca. 200 Menschen zum Gottesdienst versammeln. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, stand die kleine katholische Kirche. Wo aber war die Evangelische? Kenner werden sagen, na, evangelisch und reformiert, das ist doch eins. Mag sein, aber nicht in Ungarn. Seit 1520 gibt es Lutheraner und erst seit der 2. Hälfte des 16. Jh. die Calvinisten, aus der Schweiz kommend. Sie alle verhalten sich wie zwei getrennte Denominationen, die sich gegenüberstehen, trotz aller Einheitsbestrebungen, die es auch im Lande gibt. So hält die Trennung bis heute an, die wir in Deutschland Gott sei Dank spätestens in den 70er Jahren überwunden haben.
Mit großer solidarischer Gastfreundschaft wurde ich im ungarischen Pfarr- und Gemeindeamt aufgenommen als diejenige, die sonntags nach dem ungarischen Gottesdienst den Deutschsprachigen hielt. So auch meine Nachfolger bis Mitte Oktober, mit oder ohne Abendmahl, was schon sehr selten bei den Reformierten vorkam. Zu meinem Tätigkeitsbereich gehörte auch ein Campingplatz, der seit Jahren, vor allem von deutschen Wohnwagenbesitzern besucht wird. Ich stellte mich dort vor, lud die Menschen mit Handzetteln zum Gottesdienst ein und hatte viele anregende Gespräche. Endlich hatte jemand Zeit, um die Fragen los zu werden, die man eigentlich schon lange an „Kirche“ stellen wollte. Zu meinem Erstaunen traf ich auf viele Christen, die meist katholisch waren. Aber auch sie ließen es sich nicht nehmen, nach der sonntäglichen Messe mal eben noch den evangelischen Gottesdienst zu besuchen. Da war anschließend genug Gesprächsstoff gegeben, wenn ich wieder meine Besuche auf dem Cam-pingplatz machte. Es war für mich eine neue Erfahrung, aber eine sehr schöne.
Durch meine ungarischen Sprachkenntnisse war es mir möglich, den un-garischen, reformierten Gottesdienst zu besuchen, eben in dieser Kirche:
Schmucklos war sie von innen. Weder Kreuz, noch Kerzen noch Blumen, noch Bilder waren vorhanden. Das gehört zur Schlichtheit des reformierten Verständnissen nach dem Motto, übrigens auch hier bei uns: „Das Wort, das Wort und nichts als das Wort“. Gemeint ist die Verkündigung des Evangeliums von Jesus Christus. Das alleine ist Schmuck genug. Auf den Glauben allein wurde hingewiesen und auf nichts anderes in den Liedern, Gebeten und der Predigt.
So zeigen die meisten Kirchen von innen eine wunderschöne, meist dun-kelbraune Holzverkleidung. Der Abendmahlstisch, nicht Altar genannt, steht im Mittelpunkt. Darüber ist die Kanzel und wieder darüber die Orgel. Nicht überall war dies so anzutreffen, obgleich es der klassische, refor-mierte Stil ist.
So einfach begann dann auch der Gottesdienst mit nur einem Lied, einem Gebet und dem gesungenen Psalm. Dann begann die mindestens 40-mi-nütige Predigt. Ich vernahm, dass die Menschen konzentriert und auf-merksam zu hörten. Was mir besonders gefiel, war später der Abschnitt nach dem Segen: der Pfarrer ging von der Kanzel und kondolierte jedem, der einen Angehörigen verloren hatten. Diese Gottesdienstbesucher saßen in den vordersten Reihen. Danach ging er wieder auf die Kanzel, um alle zu sehen und zu fragen, wer an diesem Sonntag Gast in dieser Kirche ist. Viele meldeten sich, sagten ihren Namen und ihren Wohnort. Das empfand ich als eine sehr persönliche Geste der Ortsgemeinde. Gute Wünsche wurden ihnen auf den Weg mitgegeben, ausgesprochen durch den Pfarrer und nun konnte der Schlusschoral erklingen.
Ich kann nicht umhin auszudrücken, wie man sich als Reformierte und als Lutheraner begrüßt, gleich, in welcher Situation man sich begegnet:
Áldás békéség –     Segen und Frieden,
begrüßen sich die Reformierten gegenseitig;
Erös vár a mi Istenünk –      Ein feste Burg ist unser Gott,
die Evangelischen, wie sie genannt werden.

In diesem Sinne grüßt mit mir eine Diakonisse aus dem Mutterhaus Phoebe in Budapest.

Ihre




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