Reformationsfest
Läuft „Halloween“ dem Reformationsfest den Rang ab?
Christen im deutschsprachigen Raum müssen lernen, das einzuordnen. Sofern sie evangelischen Bekenntnisses sind, ist für sie am 31. Oktober der Tag des Reformationsfestes, das, mit Ausnahme Berlins, z.B. in allen ehemals ostdeutschen Ländern gesetzlicher Feiertag ist. Seit den großen Reformationsjubiläen von 1617, 1717 und 1817 wird das Reformationsfest in allen europäischen Kirchen lutherischen Bekenntnisses und ebenso in den USA gefeiert. Seit 1667 haben sich die evangelischen Christinnen und Christen darauf verständigt, sich an diesem Tag des Thesenanschlages Martin Luthers zu erinnern und sich in ihrem Bekenntnis stärken zu lassen.
Mehr und mehr wurde aus einem Fest des Rückblickes und antikatholischen Affronts eine Erinnerung an das Evangelium, eine Neuausrichtung eines Menschenlebens aufgrund des Jawortes Gottes in Christus Jesus zu uns: „Nun freut euch, lieben Christen g’ mein …“
Stimmt es aber historisch, dass Luther, wie Philipp Melanchthon 1546 für die Nachwelt ausdrücklich festhielt, am 31. Oktober 1517 an die Schlosskirche zu Wittenberg seine 95 Thesen anschlug? Erstmalig hat das der katholische Kirchenhistoriker Erwin Iserloh angezweifelt. Hat er Recht? Litt Melanchthon an Erinnerungsschwächen? Seit Erwin Iserlohs Forschungsarbeiten aus dem Jahr 1961 ist die Kette von Pro und Contra – Argumente zum 31. Oktober nicht abgerissen. Leider wird Iserlohs Hypothese nicht selten bereitwillig und unüberprüft weiter gereicht. Feiern wir ein Ereignis am 31. Oktober, das an diesem Tag gar nicht stattfand?
Gesichert ist nach heutigem Forschungsstand, dass es eine unter dem 31.10. 1517 verfasste Schrift Luthers gibt, worin er Erzbischof Albrecht von Mainz und Magdeburg aufforderte, seine Ablassinstruktion aufzuheben. Als Zusatztext verwies Luther dabei auf seine beigelegten „disputationes“, die uns bekannten 95 Thesen. Nun ist deutlich: Über „disputationes“ will man diskutieren. Folglich musste er sie öffentlich gemacht haben, was nach damaligem Brauch durch Anschlag an einer Kirchentür geschah. Selbst wenn das nicht die Schloss (= Universitäts) –Kirche, sondern eine andere Kirchentür in Wittenberg gewesen sein sollte, gibt es, so die Mehrzahl der Kirchenhistoriker, keinen Anlass, grundlegend den Thesenanschlag am 31.10. in Zweifel zu ziehen. In dieser Tat Martin Luthers ist, wie in einem Symbol, im Kern die Grundstruktur eines biblisch geleiteten Lebens enthalten: ein Mensch folgt seinem Gewissen und nur seinem Gewissen und lässt die gefundene Wahrheit nicht mehr los – auch wenn das persönlich größte Schwierigkeiten und schweres Leid nach sich zieht.
Dr. Ulrich Kappes
Vgl. dazu:
Karl Heinrich – Bieritz: „Reformationsfest“, in: Religion der Geschichte und Gegenwart, IV, 7., S. 159.
Manfred Schulz: „Thesenanschlag“, a. a. O., 8, 358.
Artikel „Reformationsfest“, Brockhaus Mannheim, 1992,18., S. 181.
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