Pfingsten

Pfingsten – ein „liebliches Fest“ ?

„Pfingsten, das liebliche Fest war gekommen, es grünten und blühten Feld und Wald“, dichtet Goethe in seinem „Reinecke Fuchs“.  Ganz in seiner Tradition schreibt Ludwig Eichrodt (1872 – 1892) unter dem Titel „Pfingstfest“:
„Der kühle Morgen ist erwacht,
die Sonne kämpft die Nebelschlacht,
Und siegend als ein freudger Held,
tritt sie hinaus ans Himmelszelt.“

Pfingsten, das Fest des aufblühenden Frühlings und der sich durchsetzenden Morgensonne?
Wie weit im Verlauf der Jahrhunderte Pfingsten von seinem biblischen Ursprung abgetrennt wurde, ist dann schließlich bei dem Dichter Klabund (1890 – 1928) unter dem Titel „Kleinstadtpfingsten“ zu lesen:
„Aber vor allen
Dingen vergesst
Nicht: wir feiern Pfingsten das Schützenfest. In grasgrüner Uniform wie die Förster, mit Fahnen, Flöten, Pauken und unter Applaus
Des Publikums, marschiert die Schützengilde (63 Mann) zum Schützenhaus.“1)

Ein garstiger Graben hat sich da aufgetan zwischen dem, was Pfingsten in christlicher Tradition ist  und was aus Pfingsten als gesellschaftliches Brauchtum wurde. Wir wollen ihn zu überspringen versuchen.

„Pfingsten“  ist dem griechischen „Pentecoste“ entlehnt und bedeutet: der fünfzigste Tag.
Nach dem jüdischen Festkalender wird am 50. Tag nach dem Pesachfest, auch „Fest der ungesäuerten Brote“ in der Lutherbibel,  das „Schawuot – Fest“ gefeiert. Seine Übersetzung heißt „Wochenfest“.
Während der Zeit des neutestamentlichen Pfingstfestes war es ein reines Erntedankfest, später erhielt es zudem die Beifügung „Fest der Gesetzgebung“.  Ein jüdischer Zeitgenosse des Lukas, Philo von Alexandrien, schreibt (nach der Zerstörung des Tempels und der Vertreibung der Juden aus Jerusalem im Jahre 70 n. Chr.) rückblickend:
„An diesem Tag hatte man die Gewohnheit, Brot und die ersten Früchte der Natur und der menschlichen Arbeit zu opfern…“ 2)  Ein anderer jüdischer Zeitzeuge, der Historiker Flavius Josephus, berichtet, dass „Juden nicht nur aus der näheren Umgebung, sondern sogar jenseits des Jordans zum Schawuoth nach Jerusalem strömten.“3)
Inmitten dieses Festes des Dankes für die Ernte ereignete sich, was das Neue Testament als eine Verwirklichung der Weissagungen Joels (Joel 3, 1 – 5) ansah: Männer und Frauen sprechen eine Sprache, die von allen verstanden wird. 3000 Juden und Proselyten („Judengenossen“) lassen sich taufen und bilden die Urkirche in Jerusalem. Pfingsten bedeutet die Geburt der Kirche.
Dieses Ereignis ist in seinem Charakter und in seiner Ausprägung so tief schürfend und umfassend,  dass in diesem Rahmen nur drei kleine Anmerkungen gemacht  werden können.
(1) Bei der Ausgießung des Heiligen Geistes sind im Unterschied zur Feier der Einsetzung des heiligen Mahles auch Frauen anwesend. Sie erhalten in gleicher Weise wie die männlichen Apostel den Heiligen Geist. Im „Obergemach des Hauses“ versammeln sich die namentlich aufgeführten elf Apostel, später kommt Matthias für Judas dazu, und „sie waren … beieinander einmütig im Gebet samt den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.“ (Apostelgeschichte 1,14)
(2) Der Heilige Geist, der nach Matthäus 3,16 als Taube erscheint, von Jesus  nach Johannes 3,8 als nicht fassbarer „Wind“  und Johannes 7,37 als „Quellwasser“ symbolhaft beschrieben wird, ebenso von Jesus in der Kategorie der Person als der, „der ihn gesalbt hat“ (Lukas 4,18) und  als der „Fürsprecher“ oder „Tröster“ (Johannes 16,7) vorgestellt wird, erscheint in der Pfingstgeschichte als „Feuer“:
Nach einem heftigen Wehen in dem Haus mit dem Obergemach „setzt“ sich der Heilige Geist als „Zunge wie von Feuer“  auf den Kopf einer jeden und eines jeden. (Apostelgeschichte 2,3)4)
Feuer, das ist einer der Urstoffe aus denen nach antiker Überzeugung der „Urstoff“ alles Lebens erscheint und somit wie Luft und Wasser elementar ist. Feuer ist Energie und Feuer ist Licht. Womit die Schöpfung begann, damit beginnt die Schaffung des zweiten Bundes Gottes mit den Menschen in seiner Kirche. Die dritte Person der Gottheit offenbart sich und wirkt im „Feuer“, das Licht ist. Liegen über Luft und Wasser bis heute viele ungeklärte naturwissenschaftliche Fragen, so um so mehr über der Natur des Lichtes. Das geheimnisvollste unter den Naturelementen mit seiner Paradoxie als Teilchen (Korpuskel) und Welle wird zum Medium, in dem sich die dritte Person Gottes offenbart. Gott offenbart sich im Feuer, bedeutet, dass Gott sowohl die Grundlage und das Fundament als auch das unauflösbare Geheimnis von allem ist. Wie menschliche Erkenntnis angesichts der Natur des Lichtes bis zur Stunde spürbar und unüberwindbar an ihre Grenzen gelangt, sind diese Grenzen um so mehr gegeben bei dem, der über Feuer und Licht steht und Feuer und Licht  als Elemente seiner Offenbarung gebraucht.
(3) Das Zusammensein im Obergemach wird mit dem Wort „einmütig“ beschrieben. (Apostelgeschichte 1,14) Später wird dieses Wort pointiert wiederholt (Apostelgeschichte 1,46). Alles pfingstliche Handeln der Geistbegabten und des Petrus geschehen in Einmütigkeit. Wären die Jüngerinnen und Jünger zerstritten gewesen, hätte es nie die Bekehrung der 3000 gegeben.
Das ergibt schließlich das letzte der hier ausgewählten Merkmale des Pfingstfestes. Kirche – Sein, als Kirche leben, heißt nach dem Ideal der Einmütigkeit bei allen persönlichen und theologischen Differenzen zu streben. Neutestamentlich geprägtes Christentum betet und  hofft auf die Rückkehr der biblischen Einmütigkeit innerhalb der Christinnen und Christen, auf eine Einheit der Kirchen.
Diesen Tatbestand hat Kardinal Kasper, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen. in seiner Weise zum Ausdruck gebracht:
„Heute rückt durch die Globalisierung die ganze Menschheit zu einer großen Schicksalsgemeinschaft zusammen. Ökumene ist die christliche Antwort auf die Zeichen der Zeit, zu der es keine realistische Alternative gibt. Sie entspricht dem eindeutigen Willen Jesu, der  EINE  Kirche wollte. Unsere Spaltungen sind darum nicht Ausdruck unserer Vielfalt und unseres Reichtums, unsere Spaltungen sind Ausdruck der Sünde und ein Skandal vor der Welt. Wir brauchen die Bereitschaft zur Umkehr und zur Erneuerung. Dadurch erfahre ich den anderen als Geschenk für mich.“ 5)                                          
Pfr. em. Dr. Ulrich Kappes


1) Eine Zusammenstellung von Gedichten zu Pfingsten findet sich unter http://www.gedichte-fuer-alle-faelle.de
2) Zit. nach Susanna Elm, Kalifornien, Der Atem Gottes, in: Die Welt, Die Literarische Welt, S. 7,  2. 6.2001
3) Susanna Elm, a. a. O
4) Eine Zusammenstellung der Symbole ( nicht der personalen  Dimensionen) für den Heiligen Geist findet sich: http://de.wikepedia.org/w/.index.php?title=Heiliger Geist, S.3
5) Zitiert nach „Die Welt“, 19.05.2003.

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